Famulaturbericht Afrika, Kenia Februar/März 2018

Famulaturbericht Afrika, Kenia Februar/März 2018

 

von Arne Elvers-Hülsemann

Die Tendenz etwas Positives leisten zu wollen steckt in mir. Es erfüllt mich, wenn ich mit meinem Wissen und meinen Fähigkeiten Menschen in meinem Umfeld Hilfe leisten kann. Insofern war es mein lang gereifter Wunsch, während des Studiums auf einer Auslandsfamulatur mein Wissen und meinen Fähigkeiten zu erweitern und dabei Menschen zu helfen.
 
Durch Artikel in Fachzeitschriften sowie meine Teilnahme, in den vergangenen Jahren, an diversen Bundesfachschaftstagungen (BuFaTa), der Internationalen Dental Schau (IDS), dem Deutschen Zahnärztetag (Dt. ZÄT), und Kontakte zu Mitgliedern studentisch- zahnmedizinische Verbände wie dem Zahnmedizinischen Austauschdienst (ZAD), dem Bundesverband der Zahnmedizinstudenten in Deutschland (BdZM), dem Europaverband der Zahnmedizinstudenten (EDSA), und dem internationalen Verband der Zahnmedizinstudenten (IADS) hatte ich oft mit Studenten gesprochen, die vor mir einen Einsatz auf der ganzen Welt durchführten und mich inspirierten.
 
Die Suche nach einer für mich geeigneten Hilfsorganisation gestaltete sich als schwierig. Eine zentrale Stelle, in der man sich über geplante Einsätze mit studentischer Begleitmöglichkeit informieren kann, habe ich nicht finden können. Nützliche Informationen zu existierenden Hilfsorganisationen fand ich in einer Liste auf der Homepage der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), sowie der Webpage der Zahnärztlichen Mitteilungen (ZM). Leider verliefen sich die Anfragen bei den ersten fünf Hilfsorganisationen im Sande.
 
Auf dem deutschen Zahnärztetag (Dt. ZÄT) im November 2017 traf ich Dr. Gerd Hase aus Stuttgart auf dem Stand von Dentist for Africa (DfA). Wir kamen ins Gespräch und Gerd erzählte mir von seinem Plan, die letzten drei Wochen im Februar 2018 nach Kenia zu reisen. Ich könnte ihn begleiten. Vier nachfolgende Telefonate mit Gerd und den Verantwortlichen von Dentist for Africa (DfA) besiegelten den Plan. Für mich sollte es für die ersten 22 Tage der Frühjahrsferien zwischen Semesterende und Ferienkurs nach Kenia gehen. Überzeugt von dem Einsatz für Dentist for Africa hat mich in erster Linie der persönliche Kontakt zu Gerd, der mir als Erster ein konkretes Vorhaben vorlegte, mit dem Angebot, Teil eines deutsch-kenianischen gemischtes Teams sein zu können. Gerds große Kenia Erfahrung und das geplante Arbeiten in einem etablierten Krankenhaus mit existierenden und nachhaltigen Strukturen, welche über mehr als 15 Jahre von DfA erarbeitet wurden, hat diesen Hilfseinsatz von anderen unterschieden. Ich kaufte mir einen Reiseführer, las die allgemeine Einsatzinfo, informierte mich über notwendige Vorbereitungen.

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Giraffen und Elefanten im Maasai Mara Nationalpark

Ich vereinbarte einen Termin im Kieler Tropeninstitut zur Information über notwendige Impfungen und Prophylaxemaßnahmen. Man bläute mir ein, keinerlei medizinisches Risiko in Kauf zu nehmen. Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Polio, Hepatitis A/B, und Mumps/Masern/Röteln hatte ich. Weitere gegen Typhus, Tollwut, Cholera, Gelbfieber (Pflicht) und Meningokokken kamen hinzu. Tabletten gegen Malaria und Diarrhö, doppelt Handschuhe, Sterillium, Moskitonetz, No-Bite imprägnierte Kleidung, Flying Doctors Mitgliedschaft, Reisekrankenversicherung und Auslandsberufsunfallversicherung wurden empfohlen. Das volle Programm. Mir kam es etwas übertrieben vor, doch „better safe than sorry“. Drei Termine im Tropeninstitut mit Therapiekosten von etwa 600,-€ wurden fällig. Die Summe wurde problemlos und direkt durch meine Krankenkasse, der TK, erstattet.
 
Ich schaute nach Flügen. Mit British Airways habe ich eine für mich geeignete Flugverbindung gefunden. Von Hamburg über London mit zwei Stunden Aufenthalt nach Nairobi. Hin- und Rückflug mit 2x 23kg plus Handgepäck für 400,-€. Visa on Arrival kostet 50 US-$ (40,-€, keine Kenya-Schilling), drei Formulare ausfüllen, Foto und Fingerabdrücke, sonst kein Problem. Von Nairobi bis Kisumu buchte ich, wie von Gerd empfohlen, Kenyan Airways für etwa 50,-€ je Strecke. Ein zweites Gepäckstück à 23kg konnte vor Ort in Nairobi für 25 US-$ (keine anderen Währungen) hinzu gebucht werden.
 
Ein kleiner Haken war meine Ankunft in Nairobi um 21:30 Uhr Ortszeit, frühester Anschluss am Folgetag um 6:00Uhr, zumal von Nachtreisen als Weißer und alleine reisend abgeraten wird. Ich kenne den 1. Vorsitzenden des Afrikanischen Zahnmedizinstudenten Verbandes (AfroDSA) recht gut. Er vermittelte mich an eine Zahnmedizinstudentin in Nairobi. Sie fragte ich, wo und wie man am besten eine Nacht nahe des Flughafens überbrücken kann. Sie empfahl mir das 67-Airport-Hotel, in dem sie mal gejobbt hatte, inklusive Shuttleservice und Frühstück für 60,-€. Dies war deutlich günstiger als Flüge ohne Zwischenübernachtung. Ich wählte den Anschluss um 9:00Uhr; alles sollte wie geplant und ohne Probleme klappen.
 
Nahezu alle nationalen und internationalen Freunde mit Einsatzerfahrung hatten Sponsoringmaterial akquiriert. Dies wollte ich auch, doch was wäre notwendig? Was ist vor Ort in Kenia verfügbar? Ich schrieb Mails nach Kenia, die jedoch ohne Anrede oder Namensinfo in zwei Zeilen nicht wirklich beantwortet wurden. Kontakte zu deutschen Dentist for Africa Mitgliedern sagten, „Selbstschutz und Bonding“ wären sinnvoll. Auf Facebook fand ich Alex, den Oral Health Officer in Nyabondo. Er ging auf meine Anfrage ein, doch konnte selbst als Leiter der Station nicht recht sagen, was gebraucht wurde, „just bring anything good“.

Somit machte ich mir selbst aus allen zur Verfügung stehenden Dokumenten eine Liste für Artikel und Mengen der benötigten Materialien, um drei Wochen autark hauptsächlich Extraktionen und Kompositfüllungen mit entsprechender Hygiene durchführen zu können. Ich schickte diese Liste per Mail an etwa 60 Dentalfirmen, etwa 50 antworteten, etwa 20 waren bereit mit Spenden zu unterstützen. Vielen herzlichen Dank an Dentsply, Hu-Friedy, Ultradent, Voco, NTI, Ivoclar, Kulzer, M&W, Pluradent, Intensiv, VDW, CP GABA, Komet, Meisinger, Busch, Septodont, Frasaco, OCO und Sigma Dental. Es kamen insgesamt etwa 45kg im Wert von ca. 6.000,-€ zusammen.

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Spendegüter im Gesamtwert von etwa 6.000,-€.
 

Ich sprach mit Assistenzzahnarzt Christoph Herzog aus Bonn, er war als Student mit Dentist for Africa und Gerd Hase zwei Jahre zuvor in Nyabondo gewesen. Er konnte sich sehr gut in meine Lage versetzen und bestätigte viele meiner Überlegungen. Er schickte mir auch Bilder, was sehr nützlich war. So verwendet man in Kenia als ehemalig englische Kolonie die anglo-sächsischen Steckdosen. Diese kann man austricksen, doch ein Adapter ist schlichtweg einfacher. Auch kam ich so auf die Idee, zwei Fußbälle, zwei Frisbees, 12x Seifenblasen und 6x Malhefte/Stifte für Kinder zu besorgen. Diese sollten später viel Eis brechen. Chris selbst war von den eigenen Fotos und der geplanten Reise so aufgekratzt, dass er kurzfristig Anfang Februar beschloss, Gerd und mich zu begleiten. Starke Aktion, wahre Bereicherung!
 
Finanzielle Unterstützung für meine Auslandsfamulatur erhielt ich durch Dr. Klaus Winter von der Stiftung Hilfswerk Deutscher Zahnärzte für Lepra und Notgebiete (HDZ). Zwei Jahre vorher hatten wir im BdZM in Kooperation mit dem ZAD für den Studententag auf dem Deutschen Zahnärztetag in Frankfurt a. M., einen Famulatur Schwerpunkt gelegt. Klaus Winter war beeindruckt und beschloss spontan einen Fond für Zahni-Studenten in Deutschland mit Auslandsfamulaturwusch von bis zu 500,-€ einzurichten. Darauf kam ich nun zurück, denn für Unterstützung durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und dem Fond der Universitäten Kiel (CAU) war ich zu kurzfristig und insgesamt zu kurz unterwegs. Nach drei E-Mails und drei Briefwechseln war die Unterstützung vom HDZ unbürokratisch genehmigt. Hierfür bin ich sehr dankbar. Ohne diese Unterstützung hätte ich diese Famulatur vermutlich nicht realisiert.
 
Kurz vor Abreise kam ich mit der Deutschen Ärzte Finanz in Kiel in Kontakt. Die sagten, Famulaturen zu fördern. Stephan Nagel stellte unter fairen Bedingungen weitere 100,-€ zur Verfügung. Ich besorgte mir ein Moskitonetz, No-Bite Imprägnierung, helle, stichfeste, leichte Kleidung und weitere Gimmicks. Eine einfache Spiegelreflexkamera lieh ich von meiner Mutter. Ich brachte das Semester sehr zufriedenstellend zu Ende und machte mich auf den Weg. Alles klappte wie geplant, 32 Stunden später war ich von Kiel in Nyabondo angekommen. Gerd Hase holte mich mit seiner Nichte Natalie am Flughafen von Kisumu, der nächstgrößeren Stadt, gelegen am Viktoriasee in Nord-West Kenia, mit Geländewagen und Fahrer ab.

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Toyota Hilux von Dentist for Africa.

Natalie hatte gerade ihren Bachelor in Erziehungswissenschaft beendet und nutzte die Zeit bis zum Master, um in Nyabondo im St. Monicas Witwen- und Waisenhaus zu arbeiten, welches ebenfalls von Dentist for Africa unterhalten wird. Das Waisenhaus entstand als Folge der großen HIV Epidemie zwischen 1995 und 2000. Zudem unterstützte Natalie die zahnmedizinischen Schulbesuche fachlich aus pädagogischer Sicht.
 
Mein erster Eindruck von Kenia war ein Straßenverkehr im Stil wie 60% von Indien und Familienverhältnisse wie in Deutschland vor vielleicht zwei Generationen.
Das Klima in Nyabondo durch Äquatornähe und Hochlage von etwa 1800m über NN wie zu besten Sommertagen, tagsüber bis 28*C, teils 30*C, nachts 20*C, gelegentlich 18*C. Sonnenaufgang konstant und zügig gegen 6:15, Sonnenuntergang 18:45 Uhr. Im März setzt für etwa einen Monat die Regenzeit ein, gelegentliche Schauer meist abends zwischen 17:00 und 23:00 Uhr.

Für Norddeutsche witzig, wie bei diesem milden und konstanten Klima die kleinsten Wetterschwankungen gesellschaftlich ein großes Thema sind. Unter 20*C laufen die Menschen tatsächlich mit Mützen und dicken Jacken umher. Ich erzählte in Zentraleuropa sei gerade eine Kältewelle, bis -12*C. Nach ein paar Sekunden sagte Father George, der Leiter der Kirchengemeinde und des katholischen Krankenhauses in welchem wir arbeiteten verdutzt, „das ist ja kälter als im Kühlschrank, wie kann man da leben?“. Wir erklärten, wir hätten Heizungen in isolierten Häusern und würden uns warm anziehen. Er schaute sehr irritiert.
 
Die Dental Unit im St. Josephs Medical College Hospital in Nyabondo wurde von vielen deutschen Zahnärzten in über mehr als 15 Jahre gestaltet. Ein deutsch-kenianischer Mix, wobei inklusive den 45kg Spenden an hauptsächlich Verbrauchsartikeln eine sehr ansehnliche Ausstattung zur Verfügung stand, die meiner gewohnten Uniaustattung für Füllungen, Prophylaxe, Extraktionen und Hygiene kaum nachstand.

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ZA Dr. Gerd Hase aus Stuttgart bei der Arbeit in der Dental Unit.

Vor meiner Anreise habe ich mich darauf eingestellt, dass es nicht immer Wasser und Strom geben wird. War auch so, nahezu bei jedem Regen war der Strom weg. Im Schnitt alle zwei Tage, gelegentlich die ganze Nacht. Auch während der Behandlungen sind Kompressor und Strom öfters ausgefallen. Die Zahnstation hat jedoch, durch deutsche Spenden, einen Generator. Dieser wird bei längeren Ausfällen zum Anlaufpunkt für die ganze Klinik. Stirnlampen und Power-Banks sind gut investiertes Geld.
 
Der Umstand, dass es nicht immer fließendes Wasser gab, und wenn nur kalt und nicht trinkbar, ließ sich gut durch Kanister und Trinkwasserbehälter kompensieren. Eigentlich nur nervig, wenn es genau dann wegfiel, wenn man morgens eingeseift unter der Dusche stand und sich abbrausen wollte. Im Vorfeld etwas unterschätzt hatte ich, was es bedeutet, auf Reisen stundenlang auf Schotterpisten zu fahren. Geländegängige Autos sind hier durchaus angebracht. Fühlt sich teils an, wie der Schleudergang in der Waschmaschine, geht an die Substanz.

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Mit dem Safaribus durch den Maasai Mara Nationalpark

Apropos Waschmaschine, die besitzt hier niemand, gibt ja auch weder Wasser noch Strom auf zuverlässiger Basis. Meist haben die Häuser zudem keinen Anschluss. Wäsche waschen ist Handarbeit, meist der Frauen. Täglich sieht man Scharen von Menschen mit gelben ehemaligen Speiseölfässern Wasser von zentralen Stellen holen. Die Ausdrücke „Feuerstelle“ und „Scheißloch“ kannte ich zuvor nur sinnbildlich. Hier sammeln Frauen und Kinder an Wegrändern Zweige für die häusliche Feuerstelle, Plumpsklo-Häuschen befinden sich in etwa 100m Entfernung zu den Wohnhütten mit Loch im Boden. In unserem Gasthaus auf dem Klinikgelände wohnten wir im Vergleich recht luxuriös. Uns erinnerte das Ambiente an Campingplatz-Bungalow-Flair.
 
In Großstädten wie Nairobi schaut das sicher anders aus, doch hier in der Provinz haben Frauen nicht viel zu melden. Sonntag morgens in die Kirche, sonst Haushalt und Erziehung plus ggf. Job, von 5:00 Uhr morgens bis zum Schlafen um 21:00Uhr. Hart finde ich eigentlich, wie paschamäßig die Männer hier drauf sind. Spätestens Mitte Zwanzig haben es die meisten hier, mangels zugänglicher Verhütungsmittel, geschafft ein Kind in die Welt zu setzen. Die HIV Prävalenz liegt durchschnittlich bei etwa 5%, in Nairobi bei etwa 7%, in einzelnen Gebieten bei 15 bis 20%.

Das Aufziehen der Kinder ist ausschließlich Job der Mutter. Die Väter verschwinden morgens zur Arbeit und gehen, wenn das Geld reicht - so hab ich es erlebt - direkt danach bis Sonnenuntergang in den Pub und trinken da so ihre zwei Liter Bier und einen halben Liter Wodka-Mische, „um sich zu entspannen“, so heißt es. Es scheint ein Zeichen des Wohlstands zu sein, sich dies leisten zu können. Anschließend torkeln sie nachts heim, wenn die Kinder schlafen. Viele heiraten gar nicht erst. „Du bist ein Mann, du wirst nie eine Frau sein, also warum nicht die Vorteile der Männlichkeit voll nutzen, du musst genießen“ wurde mir erklärt.

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Lehrerin der Holo Primary School.

Absurd ist für mich tagsüber arme Kinder und Männer Steine klopfen zu sehen, Frauen die Feuerholz sammeln oder Wasser holen. Gleichzeitig bleibt für andere scheinbar immer genügend Geld für Genussmittel wie Softdrinks, Bier und Hochprozentiges. Eine Helferin in der Dentalstation sagte mir, „die ganze Familie ist von der Mutter abhängig, die Männer sind meist mittellos, wenn sie Geld haben, dann trinken sie“. Von Verantwortungsbewusstsein kaum eine Spur. Ich frage mich, warum der Umstand so ist, wie er ist.
 
Später im Nationalmuseum in Nairobi wurde mir erklärt, während des ersten Weltkrieges hätten Einheimische nicht versucht, sich gegen Weiße zu wehren, denn sie dachten, der weiße Mann sei so erhaben, es wäre nicht möglich ihn zu töten. Noch heute sieht man die weißen Menschen als souverän, danach die Inder, dann die einheimischen Männer, am Ende Frauen und Kinder. Der jeweils niedriger gestellte hält sich deutlich zurück. Ich frage mich, warum dieses Denken so etabliert ist und gelebt wird. Warum bricht kaum jemand aus? Ist Sozialisierung und Gewohnheit so stark?

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Arne Elvers-Hülsemann mit Kindern im St. Monica´s Witwen und Weisen Dorf.

Auf der Straße wird gefühlt alle 100 Meter von Kindern mit „Mzungu.. how are you?“ (Weißer, wie geht’s?) nach einem gerufen, Fingerzeig inklusive. Dies ist zwar freundlich gemeint, aber doch fühle ich mich für meine Hautfarbe klassifiziert, fast diskriminiert. Ich habe viele Kenianer gefragt, was dahintersteckt. Einer sagte „als ich Kind war, dachte ich, wenn ich eines Tages einen Weißen berühre, dann kann ich auch weiß sein“, ein anderer „sie sehen das Geld und den Wohlstand“, ein weiterer „wir wissen, die Weißen sind gebildeter und reicher“. Selbst Geistliche sagen „komme, bringe etwas aus deiner Welt, da gibt es so viel Gutes“.

Es scheint der sozioökonomische Neid bzw. ein nicht ganz reales Weltbild zu sein, den sie in der Hautfarbe sehen. Tatsächlich denken hier nahezu alle, Geld ist für den weißen Mann unerschöpflich. Man geht fast selbstverständlich davon aus, dass der Weiße auch für fünf Personen bezahlt, wenn man sich gemeinsam in der Stadt bewegt. Jeder will ein Stück vom vermeintlich, weißen Kuchen. Das erklärt auch, warum man gelegentlich ganz unverschämt mit „Mzungu, give me money!“ (Weißer, gib mir Geld) behelligt wird. Junge Erwachsene reden auf Swahili oder Lou untereinander über einen, wenn man in der Nähe ist. Motorradtaxifahrer (Picki-Picki) sehen das Geschäft ihres Lebens, Standbesitzer preisen ihre Ware an.
 
Zahnmedizinisch hatten wir, als Team aus zwei und vier Fachleuten, das Ziel drei Grundschulen (Vorstufe bis 6. Klasse) mit insgesamt etwa 350 Schülern zu besuchen. Wir wollten Mundhygieneaufklärung durchführen, alle Schüler screenen und entsprechend der Befunde in Gruppen zwischen 20 und 30 Schülern pro Tag in der Zahnstation behandeln. Hinzu kamen die normalen Patienten der Station, etwa 15 pro Tag.

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Eingang zur Dental Unit des St. Joseph´s Medical Nyabondo in West Kenia.

Die Therapiekosten für die Schulbehandlungen trägt Dentist for Africa. 50% geht ans durchführende Krankenhaus, 50% an die kenianische DfA Zentrale für Neuanschaffungen. Eine Zahnextraktion oder Scaling wird mit 3,-€ berechnet, Füllungen mit 7,-€, Endo mit etwa 20€. Krankenversicherungen hat hier kaum jemand. Ein Zahnarzt verdient etwa 350,-€/Monat. Am Ende unseres Aufenthalts mit 15 Arbeitstagen hatten wir etwa 300 Schüler aus 2,5 Schulen behandelt und 200.000 KES bzw. 1.600,-€ Umsatz durch die Schulbehandlungen erzielt.

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Schüler der Holo Primary School mit Natalie Hase am warten auf ihre Untersuchung.

Absurd scheint mir, alle Ärzte und Krankenhäuser müssen jedes Jahr Lizenzen für Ihre Tätigkeit kaufen. Für Zahnärzte sind das etwa 200,-€. In Deutschland werden Krankenhäuser subventioniert. Das zahnmedizinische Arbeiten war der Grund für meine Reise und machte mir viel Spaß. Zum Einstieg, als Jüngster im Team, habe ich hauptsächlich assistiert und Scaling durchgeführt. Ab dem zweiten Tag kamen Anästhesie und Kompositfüllungen dazu. Nach etlichen begleiteten Extraktionen und den Ersten eigenen Ansätzen ab Tag vier auch die Tractio selbstständig. Trotzdem war ich sehr froh, jederzeit auf sehr kompetente Unterstützung meiner drei Kollegen zurückgreifen zu können, deren Assistenz mir viel Sicherheit gab.

Extraktionen sind hier etwa 60 bis 70% aller Therapien. In aller Regel wird der Zahnarzt erst dann aufgesucht, wenn die Schmerzen unerträglich werden. Oft sind Zähne tief zerstört, wenige Restwände, Frakturen und Abszesse. Ungewohnt für meine Augen war, dass vor einer Extraktion im Unterkiefer Seitenzahnbereich nicht eine Kanüle mit 1,7ml Ultracain forte, sondern gleich zwei verwendet wurden. Etwa 2,5ml in die Leitung, den Rest für den Buccalis. Alex Kommentar: „In Africa, one will never be enough“. Auch für die Oberkieferinfiltration Minimum eine Kanüle immer vestibulär und palatinal. Zugegebenermaßen scheinen die Kiefer in Kenia wirklich fester und massiver zu sein, als in Europa, doch dementsprechend kamen bei diesen Mengen an Adstringentien öfter Patienten mit trockenen Alveolen zur Nachsorge.

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Holzbox mit Auswahl an Extrationszangen.

Einige Kinder in unserer Behandlung hatten im Alter von 8 Jahren laut eigener Aussage noch nie Ihre Zähne geputzt, entsprechend dick waren die Beläge, die wir entfernten. Ob diese Kinder in Zukunft eine Zahnbürste besitzen und benutzen werden, ist zu bezweifeln. Viele Kinder und Erwachsene haben starke, dunkelbraune Fluorosen im sichtbaren Bereich. Andere hingegen an nahezu allen Glattflächen demineralisierte, erweichte und verfärbte Zahnhartsubstanz, von Early-Childhood-Caries ganz abgesehen. Softdrinks und Süßigkeiten gelten hier als kleiner Luxus und werden ziemlich unbedarft konsumiert. 

Mit zwei Stühlen in zwei Zimmern haben wir die Behandlungsteams immer wieder rotiert, hinzu kam tatkräftige Unterstützung von meist zwei weiteren Mitarbeitern des Krankenhauses bei Hygiene, Aufbereitung, Buchführung, Material und Sonstigem. Die mitgebrachten und gesponserten Materialien haben unser Arbeiten auf gewohnten Standard ermöglicht. Zwischendurch gab es immer mal wieder einen leckeren afrikanischen Tee und Späße - die Stimmung im Team war bestens.

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Cand. med. dent. Arne Elvers-Hülsemann beim Scaling einer Schülerin, assistiert vom Alex Omollo Odiyo.

Die Kommunikation mit College-Absolventen in Englisch ist problemlos, die meisten anderen sprechen jedoch nur Grundlagen. Weiter kommt man mit Kiswahili, der zweiten Nationalsprache. Untereinander wird jedoch nahezu ausschließlich die lokale Sprache gesprochen, hier Luo. Das St. Josephs Hospital ist der katholischen Kirche angeschlossen. Man sagte mir, staatliche Krankenhäuser hätten einen deutlich schlechteren Standard, wobei auch hier die Krankenstation für deutsche Augen eher einer umfunktionieren, einfachen Halle entspricht.
 
Die Kirche spielt in der Gesellschaft eine tragende Rolle. Der Gottesdienst geht etwa drei Stunden lang, die Kirche ist bis auf die Straße hinaus gefüllt, das ganze Dorf trifft sich zu diesem gemeinsamen Event. Es wird viel gesungen und herzhaft gelacht. Zeitweise scheint der Pastor eher ein Comedian zu sein, bringt das Thema in etwa 70% Kiswahili und 30% Englisch aber immer wieder auf den Punkt zurück.
 
Father George redete mit uns einen Sonntagnachmittag, er sei besorgt, immer mehr Menschen wenden sich vom Leben mit Gott ab. Die Rolle der Familie zerfällt, immer mehr Jugendliche begehen Suizid. Wir sagten, in Deutschland und der ganzen Welt nehme diese Tendenzen ebenfalls zu. Wir versuchten zu erklären, ein starker Rückhalt und die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung seien unser Ansatz. Gerade Jugendliche brauchen eine Perspektive, ein Ziel das erreichbar scheint, das Gefühl einen sinnvollen Beitrag zu leisten.

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Schüler der Sinary Primary School vor der Dental Unit beim warten auf ihre Behandlung.

Der anfängliche Vergleich, Kenia habe in seiner Kultur etwas von Deutschland vor vielleicht zwei Generationen hinkt insofern, als dass hier jeder, der es sich leisten kann, ein einfaches Smartphone besitzt und exzessiv nutzt. In allen Orten die wir besuchten, gab es beste Netzabdeckung in 4G/LTE Geschwindigkeit. Dies würde ich mir, als bekennender Heavy-User, in Deutschland nur wünschen. Was man nahezu gar nicht kennt, ist WLan, denn es gibt keine Telefonleitungen. Dieser Entwicklungsschritt wurde einfach übersprungen. Auch gibt es keine Handyverträge, man kauft sich prepaid-top-ups für Telefonie und Daten. Der weit verbreitetste Anbieter heißt Safaricom. Auch Geld kann über die Prepaid Konten transferiert werden und ersetzt im Alltag Online Banking, dies nennt sich M-Pesa.
 
Etwas skurril wird die Situation für deutsche Gewohnheiten, wenn es ums Essen geht, denn das wird in aller Regel mit den Fingern ohne Besteck gegessen, egal ob Fisch, Fleisch, Salat oder Beilagen. Wichtig ist das Händewaschen davor, jedoch nicht immer mit Seife, dafür gelegentlich mit Waschpulver. Auch die Kenianer bekommen Probleme mit der Verdauung, wenn sie mehr als zwei Autostunden reisen, Europäer sowieso. Es wundert mich nicht.
 
Wir reisten mit Alex, dem visierten Oral Health Officer aus Nyabondo, zwei Mal zum Viktoriasee, um dort eine kurze touristische Bootstour zu machen, anschließend genossen wir frischen Fisch und schauten uns Kisumu an. Am zweiten Wochenende reisten wir mit Martin, unserem Lieblingsfahrer des Krankenhauses und guten Freund, zum Nationalpark Massai Mara. Dort übernachteten wir im recht luxuriösen Mara-West-Camp, welches von Amerikanern betrieben wird. Sehr zu Freude von Chris, der seine Leibspeise Pizza genoss. Weniger zur Freude von Alex, der mit dem westlichen Essen nichts anfangen konnte und Reis mit Bohnen als Notration orderte.

Eingeladen wurden wir mit dem Fußballteam, welches Alex trainiert, ein gemeinsames Training zu absolvieren. Weder Chris noch ich haben hier sonderliche Qualitäten, trotzdem hat es viel Spaß gemacht und die Integration gefördert. Einige Morgende gingen wir mit Martin laufen und schauten uns die Umgebung an.
Generell waren alle Kenianer sehr bemüht unseren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.

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Zebras im Maasai Mara Nationalpark.

Lebensmittel werden in der Regel an Straßenständen gekauft, Mangos für 8 Cent das Stück, 15 Minibananen für 40 Cent. Nahezu immer gibt es Tomaten, Zwiebeln, Kartoffeln, Reis, Bohnen, Linsen, Kohl, Eier und Fleisch zu kaufen. Hingegen Mülltüten und Spülmittel konnten wir auch im nächstgrößeren Ort nicht finden.
 
Kenia gilt im Vergleich zu den angrenzenden ostafrikanischen Staaten als sehr fortschrittlich, sowohl in Infrastruktur als auch in der Gesetzgebung. Als Deutscher fühlt man sich trotzdem in die Vergangenheit zurückversetzt. Als junger Mensch kann man etwa erahnen, wie das junge Leben unserer Eltern oder Großeltern früher gewesen sein muss. Eine einmalige Erfahrung.

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Straßenszene in Sondu

 
In vielen alten Berichten las ich die Empfehlung bei Ankunft in Kisumu den Supermarkt „Nakumatt“ aufzusuchen, welcher einem deutschen “Real” entspricht, um sich mit allem Nötigen einzudecken. Jetzt im Februar 2018 schien Nakumatt nicht mehr geschäftsfähig, alle Einheimischen sagen, die Kette wird bankrott gehen. Eine bessere Alternative scheint „Tuskys“.
 
Was mir beim Arbeiten in Kenia vor Augen geführt wurde ist, „man diagnostiziert nur das, was man kennt“ oder auch „man tut nur das, was man versteht“.
Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob man etwas im Kopf verstehen und nachvollziehen kann oder ob man einem Umständen tatsächlich unumgänglich mit allen Konsequenzen ausgesetzt ist. Ich denke, während der drei Wochen in Nyabondo fachlich und persönlich viele neue Eindrücke gewonnen zu haben, die mir mehr Wissen und Fähigkeiten, aber vor allem mehr Erlebnisse und Verständnis gebracht haben, welche mein Leben lang bleiben werden.
 
Ich glaube, gerade in einer Gruppe von vier bis sechs Gleichgesinnten, mit denen man über zwei bis drei Wochen tagsüber behandelt und am Wochenende reist, kann ein solcher Hilfseinsatz eine sehr wertvolle und bleibende Erfahrung sein. Nicht zu unterschätzen ist der finanzielle Aufwand.

Ich möchte mich bei allen Unterstützern herzlich bedanken.
 
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Kiel, 14.03.2018
 

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Das Team der Dental Unit Nyabondo



 

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